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Der Bahnbau

Die Eröffnung des Bahnbetriebes im Kahlgrund brachte dem vorher verkehrsmäßig sehr abgelegenen Landstrich einen großen Umbruch. Die Arbeiter konnten nun ohne beschwerliche und weite Fußwege Arbeitsplätze in den benachbarten Städten erreichen, immer größer wurde dort die Zahl der Arbeitnehmer aus dem Kahlgrund. Geld kam in die Gegend, die Bautätigkeit regte sich, die Darlehenskassenvereine entfalteten sich und landwirtschaftliche Lagerhäuser konnten gebaut werden. Der Aufschwung begann, der Kahlgrund war aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.
Wie aber sah es im Kahlgrund vor dem Bahnbau aus? Die Postkutsche auf miserablen Wegen stellte das einzige öffentliche Verkehrsmittel dar, nach einer solchen Fahrt schmerzte einem der ganze Körper noch tagelang. Die Kapazität der Postkutschen war sehr begrenzt, häufig kam es vor, daß man aus Platzmangel heimlaufen mußte. Die Bauern des Kahlgrundes schleppten ihre Erzeugnisse auf dem Buckel oder im Handwagen zu den Märkten in Aschaffenburg, Hanau oder Frankfurt. Ab 1842 diente ein spezieller Postwagen, der "Karriolwagen" dazu, der Eisenbahn Reisende zuzuführen und vom Bahnhof aus das Land zu versorgen. 1854 hatte die Bahn von Frankfurt über Hanau Kahl erreicht und damit den Anschluß an die Bayerische Ludwigs-Westbahn (Bamberg-Würzburg-Aschaffenburg-Kahl) hergestellt. Im März 1881 hatten die Distriktsräte von Alzenau und von Schöllkrippen beim Königlichen Haus in München eine Petition eingereicht, in der die Erstellung einer Bahnlinie aus dem Kahlgrund zur Ludwigs-Westbahn erbeten wurde, um die wirtschaftliche Not der Kahlgrundbevölkerung zu lindern. Doch auch das Lokalbahngesetz, im April 1884 von der Abgeordnetenkammer beschlossen, brachte zunächst für den Kahlgrund keinen Fortschritt. Das Königreich Bayern hatte kein Interesse an einem Anschluß in Kahl, der sich in Richtung Hanau, also ins "hessische Ausland" ausrichten würde. Ein Bahnbau in Richtung Aschaffenburg war jedoch aus geographischen Gründen völlig ausgeschlossen.
Endlich, am 23. Oktober 1897, erhielt der Ingenieur Hermann Christner aus Hanau, Eisenbahnbau- und Betriebsunternehmer, die Konzession zum Bau einer Bahn von Kahl nach Schöllkrippen, ausgefertigt am 17. September 1897 "Im Namen seiner Majestät des Königs".
Mit dem Bau wurde im Januar 1898 an zehn Stellen auf der ganzen Linie begonnen. Dies geschah, um den Kahlgründern schon im Winter Arbeit zu verschaffen. An fünf Felswänden donnerten die Sprengungen, um das Gestein zum Bau des Bahnkörpers zu gewinnen. Bereits Ende Oktober 1898, nach nur zehn Monaten, war der Bau vollendet und die landespolizeiliche Abnahme konnte erfolgen. Der ganze Kahlgrund prangte im Fahnenschmuck und auf allen Bahnhöfen wurde der Eröffnungszug freudig begrüßt.
Der Bahnbau verschlang die ahnsehnliche Summe von 1.655.322,- Mark. Als der Bürgermeister von Niedersteinbach dem Erbauer in bewegten Worten für das viele Geld dankte, das er in den Kahlgrund gebracht hat, entgegnete Christner: "Ja, mir haben sie die Haare nicht schlecht geschoren." (nach Karl-Peter Seitz und Wilhelm Scherer, 100 Jahre Kahlgrundbahn)
Insgesamt wurden 25,6 km Gleise verlegt, mit einer größten Steigung von 10 ‰ und einem kleinsten Kurvenradius von 250 m. Die vom Eisenwerk Kraemer aus St. Ingbert gelieferten Schienen hatten ein Gewicht von 25 kg/m, wurden auf eisernen Unterlegplatten verlegt und durch Hakennägel mit den Holzschwellen verbunden. Die Kahl mußte an sechs Stellen überquert werden, hinzu kamen zahlreiche Zuflüsse, insgesamt waren zehn Brücken und 110 Durchlässe bis zu einer lichten Weite von 2 m notwendig. Auf den acht Stationen wurden 34 ausnahmslos ortsbediente Weichen verlegt. Das Verwaltungsgebäude, der Lokschuppen mit vier Ständen und die Werkstatt befanden sich in Schöllkrippen.
Der Fuhrpark bestand aus den Lokomotiven KAHL und ALZENAU, Zweikuppler von Krauss, mit den Betriebsnummern 1 und 2. An Personenwagen standen ein BCi, fünf Ci- und ein PwPost zur Verfügung. Bereits 1899 folgten drei weitere Ci, die Wagen waren in der Reihenfolge ihres Eintreffens von 1 bis 10 numeriert worden. Der Güterwagenpark setzte sich zusammen aus 15 Klappdeckelwagen für den Kalktransport, 8 offenen und 3 gedeckten Wagen, alle mit einer Tragfähigkeit von 10 t. Im übrigen kamen im durchgehenden Verkehr immer auch Wagen der Staatsbahn auf die Kahlgrundbahn.